← zurück zur Kategorie Argos-Journal , Diskussion

Fördern – Nutzen – Recycling. Wie gehen wir mit Rohstoffen um?

689864_original_R_K_B_by_Jürgen Weingarten_pixelio de 1Diskutieren Sie hier mit uns: Rohstoffe sind ein wichtiger Bestandteil in unserem täglichen Leben. Manchmal nehmen wir sie für selbstverständlich hin. Aber Rohstoffe sind nicht unendlich. In dieser Diskussion beantworten Dr. Thorsten Diercks (Hauptgeschäftsführer des Vereinigung Rohstoffe und Bergbau e.V.), Dr. Kersten Roselt und Andreas Schaubs (Geschäftsführer der JENA-GEOS) sowie Prof. Dr.-Ing. Helmut Mischo (Wissenschaftlicher Direktor des Forschungs- und Lehrbergwerks der TU Bergakademie Freiberg) Fragen zum Thema Rohstoffe, Rohstoffabbau und Recycling.

Mehr über die Diskussionsteilnehmer erfahren sie im ARGOS II/2015.

Wie definieren Sie Rohstoffe?

Der Rohstoffbedarf hat sich in der Geschichte der Menschheit immer wieder verändert. Welche Rohstoffe werden Ihrer Meinung nach in der Zukunft eine besondere Rolle spielen?

Durch steigende globale Rohstoffbedarfe sind die Preise für viele Rohstoffe so stark gestiegen, dass sich ein Abbau auch hierzulande, zum Beispiel in Sachsen, wieder lohnt. Werden wir uns in Zukunft wieder verstärkt auf heimische Rohstoffe „besinnen“ und stärker nutzen, was vor Ort verfügbar ist?

Welche Rolle wird in diesem Zusammenhang Recycling spielen?

Welches Potenzial messen Sie neuen bislang noch wenig erforschten Abbau- und Gewinnungsmethoden von Rohstoffen bei?

Vieles, was früher entsorgt wurde, wird heute rückgewonnen und wiederverwertet. Wie werden Industrie und Verbraucher ihren Rohstoffbedarf/-verbrauch in Zukunft anpassen?

 

Wie definieren Sie Rohstoffe?

Dr. Thorsten Diercks: Die Vereinigung Rohstoffe und Bergbau versteht unter Rohstoffen energetische und nichtenergetische Grundstoffe für die Industrie und ihre Produkte. Darunter können Sie sich alle Materialien vorstellen, die auch als Bodenschätze gewonnen werden können; außerdem ihre Aufbereitungsprodukte. Im Bereich der energetischen Rohstoffe gehören dazu u. a. Braun- und Steinkohlen, Erdöl und Erdgas. Bei den nichtenergetischen Rohstoffen sind dies u. a. Kali, Salze, Industrieminerale, Metalle sowie Steine und Erden.

Dr. Kersten Roselt & Andreas Schaubs: Wir Geologen betrachten Rohstoffe als natürliche und als wiederverwertbare Ressourcen. Wir nutzen meist die Klassifizierung in organische und mineralische Rohstoffe, zu denen jeweils auch Recyclingprodukte gehören. Während zu den organischen Rohstoffen Öl, Gas, Kohle, aber auch Land-, Forstwirtschaftsund organische Recyclingprodukte zählen, gliedern wir die mineralischen Rohstoffe in energetische, sekundäre, metallische Rohstoffe und in Steine/Erden sowie Industrieminerale. Abbauwürdige Anreicherungen von Rohstoffen werden als Lagerstätten bezeichnet. Gerne verwenden wir heute auch wieder das etwas aus der Mode gekommene Wort ‚Bodenschatz‘, dessen Begrifflichkeit das für uns besonders Wertvolle, aber auch das Beschützenswerte, besser hervorhebt.

Prof. Helmut Mischo: Rohstoffe sind alle primären Stoffe, die der Natur entnommen werden, um sie einer zivilisatorischen oder technischen Verwendung zuführen. In der Regel werden Rohstoffe zuvor noch veredelt. Generell unterscheiden wir mineralische Rohstoffe in flüssiger, gasförmiger und fester Form, und nachwachsenden Rohstoffen, wobei sich viele mineralische Rohstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen gebildet haben.

 

Der Rohstoffbedarf hat sich in der Geschichte der Menschheit immer wieder verändert. Welche Rohstoffe werden Ihrer Meinung nach in der Zukunft eine besondere Rolle spielen?

Dr. Thorsten Diercks: Der Rohstoffbedarf verändert sich zwar, dies jedoch nur langsam. So werden wir fossile Brennstoffe noch lange benötigen. Selbst wenn erneuerbare Energieträger bald mehr als 30 % der Stromerzeugung leisten sollen, müssen immer noch 70 % der Elektrizität aus konventionellen Energieträgern erzeugt werden. Eine sehr weitreichende Erzeugung aus Erneuerbaren ist nur möglich, wenn großtechnische Speichertechnologien entwickelt und am Markt eingeführt sind; dies ist derzeit nicht absehbar. Bei Metallen u.a. nichtenergetischen Rohstoffen hängt der Bedarf letztlich davon ab, welche innovativen Technologien sich durchsetzen. Erst wenn wir wissen, wie Strom ggf. großtechnisch speicherbar ist, werden wir auch wissen, welche Rohstoffe wie etwa Kupfer, Nickel, Kobalt oder andere wird dafür benötigen.

Dr. Kersten Roselt & Andreas Schaubs: Rohstoffe der Zukunftstechnologien sind Gallium, Neodym, Indium, aber auch Germanium, Scandium, Platin, Tantal, Silber, Zinn, Kobalt u.a.. Für viele dieser Stoffe ist das Versorgungsrisiko hoch, da die Verteilung der Lagerstätten sehr unterschiedlich ist. Erfahrungsgemäß führen Monopolsituationen wie bei Yttrium (fast 100% der Lagerstätten befinden sich in China) zu verstärkter Forschung nach Substituten, in anderen Fällen zu politischen Spannungen oder gar Stellvertreterkriegen. Da sich der Blick der Öffentlichkeit zuerst auf die Zukunftstechnologien richtet, gerät zuweilen aus dem Bewusstsein, dass wir uns mit zunehmenden Restriktionen und dem Zubau unserer Landschaft den Zugriff auf ganz ’simple‘ Rohstoffe selbst verwehren. Weit unterschätzt wird auch die Rolle des Phosphats, was für die Steigerung der weltweiten Agrarproduktion unabdingbar ist.

Prof. Helmut Mischo: Die verschiedenen Zeitalter der Menschheitsgeschichte werden traditionell nach den hauptsächlich genutzten mineralischen Rohstoffen benannt, von der frühen Steinzeit bis heute. Dabei hat sich die Bandweite und Vielzahl der Rohstoffe auch in die Breite erweitert, so dass wir heute fast alle Elemente des Periodensystems in der technischen Nutzung sehen. Viele aktuelle Entwicklungen führen dabei die verschiedensten Rohstoffe immer neueren Nutzungsmöglichkeiten zu, so dass die Frage für die Zukunft weniger heißen mag, welche Rohstoffe eine besondere Rolle spielen, sondern eher wie effizient und nachhaltig wir die vorhanden Rohstoffe nutzen und dafür bisher nicht genutzte Vorkommen und Lagerstätten wirtschaftlich, technisch und ökologisch sinnvoll nutzbar machen können.

 

Durch steigende globale Rohstoffbedarfe sind die Preise für viele Rohstoffe so stark gestiegen, dass sich ein Abbau auch hierzulande, zum Beispiel in Sachsen, wieder lohnt. Werden wir uns in Zukunft wieder verstärkt auf heimische Rohstoffe „besinnen“ und stärker nutzen, was vor Ort verfügbar ist?

Dr. Thorsten Diercks: Wir gehen davon aus, dass wir wieder verstärkt heimische Rohstoffe nutzen, denn Deutschland ist ein rohstoffreiches Land. Die heimische Gewinnung betrug 2013 etwa 780 Mio. t, vor allem an Braunkohle, Kali, Salz sowie Steine und Erden. Diese Industriezweige haben weiterhin eine gute Perspektive. Dies gilt wegen ihrer Rolle für die Energieversorgungssicherheit, für die Wertschöpfung in den Revieren und für angemessene Strompreise auch für die Braunkohle, für die es in Mitteldeutschland, in der Lausitz und im Rheinland komfortable Lagerstättenvorräte gibt. Für eine wieder stärkere Nutzung heimischer Rohstoffe spricht auch, dass u.a. in Sachsen derzeit eine Reihe neuer Bergbauprojekte ins Auge gefasst wird. Gerade die Exploration von Lagerstätten findet bereits für viele Rohstoffe wieder statt.

Dr. Kersten Roselt & Andreas Schaubs: Aufgrund des zunehmenden ökologischen Bewusstseins und der Gesetzgebung zum Schutze der Natur ist der Rohstoffabbau in den letzten Jahren in den Hintergrund getreten, teilweise sogar verpönt. Das Beispiel Braunkohle in Ostdeutschland zeigt, dass sich deutsche Investoren gar nicht mehr an den Bergbaubetrieb herantrauen. Gerade die aktuelle internationale politische Lage sowie Preisentwicklungen der ‚kritikalen‘ Rohstoffe zeigen, dass eine Rückbesinnung auf einheimische Potenziale essenziell sein kann. Verstärkte Rohstoffgewinnung, und –verarbeitung wird jedoch nur gelingen, wenn sie mit dem Schutz von Klima und Natur in einem systemischen Zusammenhang gesetzt werden kann und die Akteure kompromissbereit sind. Aktuelle Aufgabe ist, dass wir uns mit der Festsetzung von Flächennutzungen nicht den Zugang zu einem möglicherweise später zu gewinnenden‚ Bodenschatz‘ verbauen.

Prof. Helmut Mischo: Deutschland ein Rohstoffland und eine Vielzahl der bei uns genutzten Rohstoffe entstammen einheimischer Quellen. Die Nutzbarmachung dieser und weiterer heimischen Rohstoffreserven ist nicht nur eine Frage des Marktpreises, sondern auch die technische und sozialökologische Verfügbarkeit unter den Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes. Dies ist die Zielsetzung der deutschen Rohstoffforschung.

 

Welche Rolle wird in diesem Zusammenhang Recycling spielen?

Dr. Thorsten Diercks: Recycling hat in Bezug auf viele Metalle und mineralische Rohstoffe eine große Bedeutung, so werden 90 % des im Bauwesen und im Verkehrssektor eingesetzten Aluminiums, Zinks, Kupfers und Bleis recycelt. Dies hat den wichtigen Vorteil, dass damit die Importabhängigkeit bei wichtigen Rohstoffen verringert werden kann. Zudem trägt Recycling natürlich dazu bei, Abfallströme zu reduzieren. Die Bedeutung des Recyclings darf aber auch nicht überschätzt werden. In vielen Bereichen – insbesondere bei der Nutzung sehr kleiner Mengen von Metallen – ist noch sehr viel Forschung erforderlich, um ein Recycling zu angemessenen Bedingungen zu erreichen.

Dr. Kersten Roselt & Andreas Schaubs: Die Recycling-Quote wird generell zunehmen, enthebt sie uns doch dem oft politisch unsicherem Rohstoffimport und dem unbequemen Lösen von Umweltproblemen im eigenen Land. Dennoch steht die Weltwirtschaft überwiegend noch auf dem Niveau des‚ downcycling‘ – d.h., der Wert oder die Qualität des recycelten Stoffes nimmt in der Kette des Wiedernutzbaren ab, bis ein Reststoff für die Verbrennung oder Deponierung übrigbleibt. Mit diesem als Öko-Effektivität bezeichneten Weg wird eine immer höhere Wirtschaftlichkeit bei der Nutzung von Rohstoffen erreicht, allerdings ist sie ineffizient. Eine gänzlich andere Philosophie vertreten die Verfechter der Öko-Effizienz: Produkte dürfen nur auf den Markt gebracht werden, wenn ihre 100%ige Recyclingfähigkeit nachgewiesen werden kann.

Prof. Helmut Mischo: Rohstoffkreisläufe bedienen sich immer primärer und sekundärer Quellen, sind jedoch nie vollständig geschlossen und verlustfrei. Das Recycling als eine solche sekundäre Quelle ist dabei ein wichtiger Bestandteil moderner und nachhaltiger Rohstoffstrategien, kann jedoch auf Grund des Verbrauchs entlang der Wertschöpfungskette die primären Quellen (natürliche Vorkommen und Lagerstätten) nur, wenn auch in teilweise erheblichem Maße, ergänzen, nicht jedoch ersetzen.

 

Welches Potenzial messen Sie neuen bislang noch wenig erforschten Abbau- und Gewinnungsmethoden von Rohstoffen bei?

Dr. Thorsten Diercks: Die Erschließung von Rohstoffen in der Tiefsee ist für die deutsche Industrie sicher interessant. Viele der für Hochtechnologieanwendungen benötigten Rohstoffe werden dort vermutet. Deutsche Unternehmen verfügen über umfangreiches Know how in diesem Bereich. Leider gibt es aber auch hier einen Wermutstropfen: Sowohl beim Tiefseebergbau als auch beim Thema nachwachsende Rohstoffe ist noch viel Forschung erforderlich, um sowohl einen umweltverträglichen Abbau als auch effiziente Extraktionsverfahren, die eine Gewinnung zu wirtschaftlichen Bedingungen zulassen, zu entwickeln.

Dr. Kersten Roselt & Andreas Schaubs: Die Potenziale der Nutzung der genannten Rohstoffgruppen sind immens und die Nutzung wird sich gewiss in den kommenden Jahren erhöhen. Der Abbau war bisher grundsätzlich nachfrage- und preisdiktiert, wird zunehmend jedoch auch von ökologischen Faktoren bestimmt, die ihn behindern. Das wachsende ökologische Bewusstsein wird diese Nutzung vermutlich weiter einschränken. Daher tobt aktuell ein ‚Kampf um Rohstoffe‘ weit außerhalb unseres täglichen Sichtfeldes, beispielsweise in Gebieten der Arktis und Antarktis. Die Nutzung nachwachsender Rohstoffe sehen wir kritisch, wenn der Energiepflanzenanbau auf qualitativ hochwertigen Böden wie in Mitteldeutschland erfolgt und dabei in Konkurrenz zur Erzeugung hochwertiger Nahrungsmittel gebracht wird.

Prof. Helmut Mischo: Alle Rohstoffquellen, auch diejenigen die heute noch nicht intensiv genutzt werden, stehen stets im Focus von Industrie und Wissenschaft im Sinne einer langfristigen und sicheren Versorgung unserer Volkswirtschaft mit den benötigten Rohstoffen. Dabei spielen stets auch die Zugänglichkeit und Nutzbarkeit dieser neuen Quellen eine wichtige Rolle.

 

Vieles, was früher entsorgt wurde, wird heute rückgewonnen und wiederverwertet. Wie werden Industrie und Verbraucher ihren Rohstoffbedarf/-verbrauch in Zukunft anpassen?

Dr. Thorsten Diercks: Hier gilt das berühmte Zitat: „Prognosen sind schwierig, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Wir vermuten, dass im Bereich der Metalle, einschließlich der so genannten seltenen Erden, eine verstärkte Nachfrage zu erwarten ist. In Deutschland geförderte Brennstoffe, u. a. Braunkohle aus dem Südraum Leipzig, dürften noch über Jahrzehnte eingesetzt werden, weil insoweit andere Optionen einer sicheren und gleichzeitig bezahlbaren Energieversorgung fehlen.

Dr. Kersten Roselt & Andreas Schaubs: Es ist bereits jetzt erkennbar, dass zunehmend neue Materialien entwickelt werden, die bisherige weniger verfügbare oder teure Rohstoffe ersetzen. Diese Entwicklung wird sich verstärken. Zudem werden Verschiebungen hinsichtlich zukünftig vorrangig benötigter Stoffe eintreten. Im Bereich der Öko-Effizienz (s.o.) wird aktuell von großen Konzernen verstärkt geforscht, denn dieses System hat einen besonderen Charme: Wenn alle Produkte in einem Kreislauf wiederverwendungsfähig sind, entfällt der Aspekt des Sparens oder der Askese: es darf sogar verschwendet werden – ein nicht zu unterschätzender Anreiz für produzierende Unternehmen. Es existieren bereits zahlreiche Produkte mit einer solchen ‚c2c‘- Zertifizierung, allerdings ist der Weg zu einer 100%igen Recyclingfähigkeit noch sehr weit und deren generelle Erreichbarkeit umstritten

Prof. Helmut Mischo: Die Begrenzung der Verfügbarkeit bekannter mineralischer und nachwachsender Rohstoffquellen ist stets auch eine Frage der verfügbaren Technologien. Effektive und ökonomisch sowie ökologisch vertretbare Rohstoffnutzung ist ein Grundanliegen jeglichen wirtschaftlichen Handels und wird auch in Zukunft, unterstützt durch die Entwicklung und Einführung neuer Technologien, kontinuierlich an allen Bereichen unserer Gesellschaft weiterentwickelt werden.

 

Foto: Jürgen Weingarten/ pixelio.de

Kommentieren Sie den Artikel: